UX und Human Centered Design
Der Prozess, seine Grenzen und was davon in echten Projekten bleibt
Human-Centered Design, auf Deutsch menschzentrierte oder nutzerzentrierte Gestaltung, klingt nach großer Methode: Nutzer beobachten, Prototypen testen, immer wieder nachbessern. In der reinen Lehre stimmt das auch. In den meisten Website-Projekten im Mittelstand ist der volle Umfang aber weder bezahlbar noch nötig.
Wir bei GRAND DIGITAL bauen Websites und Portale nutzerzentriert – und sagen offen, welchen Teil des Lehrbuch-Prozesses wir in jedem Projekt umsetzen und welchen nicht.
Das Wichtigste in Kürze
Human-Centered Design (HCD) ist ein in der Norm ISO 9241-210 beschriebener Prozess, um digitale Systeme an ihren echten Nutzern auszurichten.
Er läuft in vier Aktivitäten, die sich wiederholen:
Nutzungskontext verstehen,
Nutzungsanforderungen festlegen,
Lösungen gestalten und
gegen die Anforderungen prüfen.
Der volle Prozess mit mehreren Nutzertest-Runden lohnt sich bei großen Systemen, sprengt aber die meisten Website-Budgets im Mittelstand.
Kurz: HCD ist die Methode, gute Usability und UX sind das Ergebnis.
Was ist Human-Centered Design?
Human-Centered Design (HCD), auf Deutsch menschzentrierte Gestaltung, ist ein Ansatz, um digitale Systeme so zu entwickeln, dass sie sich an den Menschen ausrichten, die sie später benutzen. Statt mit dem Bauchgefühl der Geschäftsführung oder dem Geschmack des Designers zu starten, beginnt nutzerzentrierte Gestaltung mit einem klaren Verständnis der Nutzer, ihrer Ziele und ihrer Aufgaben.
Der Ansatz ist keine Erfindung einer einzelnen Agentur, sondern in einer internationalen Norm beschrieben: ISO 9241-210. Aus derselben Grundlage speist sich auch die verbreitete Zertifizierung CPUX-F des International UX Qualification Board. Früher sprach man von User-Centered Design (UCD, benutzerzentrierte Gestaltung); heute ist der Begriff „menschzentriert" gebräuchlich, weil er auch Menschen einschließt, die von einem System betroffen sind, ohne es direkt zu bedienen.
Definition
Menschzentrierte Gestaltung ist ein iterativer Ansatz zur Entwicklung interaktiver Systeme, der auf einem ausdrücklichen Verständnis von Benutzern, ihren Aufgaben und ihrer Umgebung beruht. Die Gestaltung wird von echten Nutzungsanforderungen gesteuert und durch Rückmeldungen der Nutzer schrittweise verbessert.
Das entscheidende Wort ist „iterativ": Man gestaltet nicht einmal und ist fertig, sondern in Runden. Jede Runde holt Feedback und verbessert das Ergebnis, bis es die Anforderungen erfüllt.
Human-Centered Design, UX und Usability – wo liegt der Unterschied?
Die drei Begriffe werden ständig durcheinandergeworfen. Sie meinen aber verschiedene Dinge.
Usability
Usability ist das Ausmaß, in dem sich ein System effektiv, effizient und zufriedenstellend benutzen lässt. Effektiv heißt: Der Nutzer erreicht sein Ziel. Effizient heißt: schnell und ohne viel Nachdenken. Zufriedenstellend heißt: Die Benutzung fühlt sich angemessen an. Usability betrachtet vor allem den Moment der Nutzung.
User Experience (UX)
User Experience (UX) ist weiter gefasst. UX bezieht auch die Erwartung vor der Nutzung und das Gefühl danach mit ein. Ob jemand eine Website schon vor dem ersten Klick als vertrauenswürdig einschätzt, gehört zu UX, nicht mehr nur zu Usability.
Human-Centered Design
Human-Centered Design ist keine Eigenschaft des Produkts, sondern der Weg dorthin. HCD ist der Prozess, mit dem man gute Usability und eine gute UX herstellt. Kurz: Usability und UX sind das Ziel, menschzentrierte Gestaltung ist die Methode. Eine leichter verständliche Einführung in die Begriffe UX und UI findest Du im Artikel UX-Design.
Der menschzentrierte Gestaltungsprozess nach ISO 9241-210
Der menschzentrierte Gestaltungsprozess – im Alltag oft schlicht UX-Prozess genannt – ruht nach ISO 9241-210 auf sechs Prinzipien:
- Die Gestaltung beruht auf einem klaren Verständnis von Nutzern, Aufgaben und Umgebung.
- Nutzer sind über den gesamten Prozess eingebunden.
- Die Gestaltung wird durch nutzerzentrierte Evaluierung vorangetrieben und verfeinert.
- Der Prozess ist iterativ, läuft also in Runden.
- Er bezieht die gesamte User Experience ein, nicht nur die reine Funktion.
- Das Team bringt unterschiedliche Fachrichtungen zusammen.
In der Praxis wird daraus ein Ablauf aus vier Aktivitäten, die im Kreis laufen. Einsteigen kann man an jedem Punkt, aber ohne ein Verständnis des Nutzungskontextes geht es nicht.
- Nutzungskontext verstehen. Wer sind die Nutzer, was tun sie, unter welchen Bedingungen? Hier entstehen Personas, User Journey Maps und Aufgabenmodelle.
- Nutzungsanforderungen festlegen. Was muss das System können, damit die Nutzer ihr Ziel erreichen? Das Ergebnis sind konkrete Erfordernisse und Nutzungsanforderungen.
- Gestaltungslösungen entwerfen. Wie sieht eine Lösung aus, die diese Anforderungen erfüllt? Jetzt entstehen Informationsarchitektur, Wireframes und Prototypen.
- Gegen die Anforderungen evaluieren. Erfüllt die Lösung, was sie soll? Geprüft wird per Usability-Test, festgehalten in einem Evaluierungsbericht.
Der Clou steckt im letzten Schritt: Zeigt die Evaluierung, dass etwas nicht funktioniert, geht es zurück in eine frühere Aktivität. Diese Schleifen wiederholen sich, bis das System die Anforderungen erfüllt. Genau diese Runden machen HCD gründlich und gleichzeitig teuer.
Warum echtes Human-Centered Design selten voll umgesetzt wird
Die ehrliche Antwort: Der volle Prozess kostet Zeit und Geld, die die meisten Website-Budgets nicht hergeben. Human-Centered Design nach Lehrbuch bedeutet mehrere Runden mit echten Nutzern: Interviews, um den Kontext zu verstehen, moderierte Usability-Tests an Prototypen, dann noch einmal Tests am fertigen System. Dazu kommen oft Beobachtungen im echten Arbeitsumfeld.
Für eine Behörde mit Millionen Nutzern oder ein Produkt, an dem ein Unternehmen jahrelang verdient, rechnet sich dieser Aufwand. Für die klassische B2B-Unternehmenswebsite mit überschaubarem Seitenumfang steht der Aufwand für formale Nutzertests oft nicht im Verhältnis zum Ergebnis. Das Budget ist dann besser in gute Konzeptarbeit und saubere Umsetzung investiert.
Deshalb behaupten wir nicht, in jedem Projekt „volles HCD" zu machen. Wir nutzen den Teil, der auch bei kleineren Budgets Wirkung zeigt – und sagen, wo die Grenze liegt.
Was Du bei uns bekommst
Auch ohne die große Testmaschinerie lässt sich nutzerzentriert arbeiten. In jedem Webprojekt, das wir als Webagentur in München umsetzen, ist der methodische Kern enthalten – angepasst an das jeweilige Projektbudget:
Wettbewerbs- und Kontextanalyse
Wir schauen, wie vergleichbare Anbieter ihre Nutzer führen und wo der Branchenstandard liegt, bevor wir gestalten.
Personas und Protopersonas
Wo Nutzerdaten vorliegen, arbeiten wir mit datenbasierten Personas. Wo sie fehlen, nutzen wir Protopersonas – Annahmen über die Zielgruppe, gemeinsam mit Dir aus Vertriebswissen und Erfahrung gebildet, statt teurer Neuerhebung. Das macht die Zielgruppe greifbar, ohne das Budget zu sprengen.
User Journeys aus vorhandenen Daten
Wir nutzen, was schon da ist – Analytics, Kundenanfragen, Dein Wissen über typische Kaufwege.
Prüfung gegen echte Nutzungsdaten
Nach dem Go-live schauen wir uns an, wie Besucher die Seite tatsächlich verwenden, und bessern nach. Das ist die Evaluierungs-Schleife aus dem Prozess, nur mit realen Daten statt Laborsituation.
Human-Centered Design und Barrierefreiheit gehören zusammen
Menschzentrierte Gestaltung meint alle Menschen, die ein System benutzen – auch die mit eingeschränktem Sehen, Hören oder eingeschränkter Beweglichkeit. In der Norm ist Barrierefreiheit ausdrücklich ein Teil der Qualität, die HCD herstellen soll. Wer nutzerzentriert denkt, plant Zugänglichkeit nicht als Nachtrag, sondern von Anfang an mit. Seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist das für viele Anbieter zusätzlich Pflicht. Was das konkret bedeutet, steht im Artikel zu barrierefreien Webseiten.
Häufige Fragen zu Human-Centered Design
Was ist der Unterschied zwischen UX-Design und Human-Centered Design?
UX-Design beschreibt das Ziel: ein gutes Nutzererlebnis. Human-Centered Design beschreibt den Weg dorthin – einen strukturierten Prozess aus Kontext verstehen, Anforderungen festlegen, gestalten und evaluieren. HCD ist der UX-Prozess, mit dem gute UX entsteht.
Was bedeutet nutzerzentrierte oder menschzentrierte Gestaltung?
Beide Begriffe meinen dasselbe wie Human-Centered Design: einen Gestaltungsansatz, der interaktive Systeme konsequent an den Bedürfnissen ihrer Nutzer ausrichtet. „Menschzentriert" ist die heute in der Norm ISO 9241-210 verwendete Bezeichnung, „nutzer-" oder „benutzerzentriert" die ältere.
Auf welcher Norm basiert Human-Centered Design?
Auf ISO 9241-210, einer internationalen Norm für die menschzentrierte Gestaltung interaktiver Systeme. Sie beschreibt vier Aktivitäten, die iterativ durchlaufen werden. Auch die UX-Zertifizierung CPUX-F baut auf dieser Grundlage auf.
Braucht mein Website-Projekt echte Nutzertests?
Nicht zwingend. Für die meisten Unternehmenswebsites reichen eine saubere Kontext- und Anforderungsanalyse und die spätere Prüfung anhand echter Nutzungsdaten. Formale Usability-Tests mit Probanden lohnen sich vor allem bei komplexen Portalen, hohen Nutzerzahlen oder wenn viel vom Ergebnis abhängt.
Ist Human-Centered Design dasselbe wie Design Thinking?
Nein, auch wenn sie sich überschneiden. Design Thinking ist eine breitere Methode zur Ideenfindung und Problemlösung. Human-Centered Design ist enger und stärker auf die Gestaltung und Evaluierung interaktiver Systeme ausgerichtet, festgehalten in einer eigenen Norm.
Fazit
Human-Centered Design ist kein Alles-oder-nichts. Der volle Prozess nach Lehrbuch passt zu großen Systemen mit vielen Nutzern; für die meisten Websites zählt der methodische Kern: verstehen, wofür die Seite da ist, für wen sie gebaut wird, und nach dem Launch prüfen, ob sie funktioniert. Genau das ist bei uns Standard – und wo mehr sinnvoll ist, sagen wir es offen.
Wie das in der Praxis aussieht, erfährst du in unserem Projekt für das DEUTSCHE EHRENAMT.
Du planst eine neue Website oder einen Relaunch?
Du planst eine neue Website oder einen Relaunch und willst sie von Anfang an nutzerzentriert aufsetzen? Auf unserer Seite zu UX & UI Design siehst du unseren Prozess im Detail. Das Erstgespräch ist kostenfrei und unverbindlich – sprich uns an.